Vom Kinderglück

November 30, 2018 in Allgemein, Wissen von guenther_michels

Autor: Maximilian Glätzner

Der Blick in Weltalmanach 2018 verrät, dass im Jahre 2016 in Deutschland 82.668.000 Menschen lebten. Seit 2015 schrumpft die Bevölkerung in Deutschland jährlich um etwa 0,1 %. Eine Frau in Deutschland bekommt im Durchschnitt 1,5 Kinder. Die Geburtenraten sind also im Vergleich zum Rest der Welt gering. Von 1000 Säuglingen überleben in Deutschland ziemlich genau 99,7% ihr erstes Lebensjahr. Es sind nun wieder 99,6% von diesen Kindern, die das fünfte Lebensjahr erreichen werden; die Kinder haben dann eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82 Jahren.

Was verraten uns diese Daten nun? Sie spiegeln lediglich statistische Realitäten wieder, die vor allem im demografischen, ökonomischen und politischen Kontext interessant sind. Der Weltalmanach verrät aber nichts über die tatsächliche Realität von Geburten und den Vorgängen. Zahlen und Daten können die Erfahrung ein Kind zu bekommen nicht darstellen.  Was bedeutet es also für eine Mutter in Deutschland ein Kind zu bekommen? Das ist natürlich von Mutter zu Mutter unterschiedlich und man müsste dazu am besten mal eine Mutter in Deutschland befragen, aber gewisse Tendenzen lassen sich auch so beobachten: In Deutschland spricht man im Allgemeinen vom Kinderglück – ein Kind zu bekommen ist für die meisten werdenden Eltern ein gute Nachricht und etwas Erfüllendes im Leben.

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Zunächst mag eine Schwangerschaft vielleicht überraschen, aber sehr schnell macht sich Freude breit. Häufig wird dann zuerst der Lebenspartner informiert und dann die eigenen Eltern, die sich als werdende Großeltern natürlich auch auf ihr Enkelkind freuen. Junge Eltern beginnen jetzt damit, sich einen Namen für ihr Kind auszusuchen und beginnen damit, Baby-Sachen einzukaufen. An alles muss gedacht sein, wenn das Kind das Licht der Welt erblickt: Kleidung, Nahrung, Fläschchen für Milch, Windeln, Spielzeuge, Kuscheltiere und vieles mehr. Vielleicht beginnt man sogar ein Kinderzimmer für das Kind einzurichten, mit den passenden Möbeln versteht sich. Andere Eltern überlegen sich nun wohlmöglich auch umzuziehen und ein neues Heim für die größer werdende Familie zu suchen.

Es gibt jedenfalls eine Menge zu tun und es scheint als würden all die anderen Bestandteile des Lebens, die vorher noch so wichtig waren – zum Beispiel die eigene berufliche Karriere – in den Hintergrund treten. Alles was nun zählt, ist das Baby und die Familie. Natürlich muss die Schwangere häufiger zum Frauenarzt, um die Entwicklung des kleinen Embryos zu beobachten und zu begleiten. Für werdende Mütter gibt es wahrscheinlich keine schlimmere Sorge, als die, dass es dem Kind im Bauch nicht gut geht, doch in den meisten Fällen verläuft eine Schwangerschaft ohne ernste Komplikationen. Es kommt der Zeitpunkt, an dem die neun Monate Schwangerschaft zu Ende gehen. Nicht selten werden Kurse besucht, um den Umgang mit einem Säugling zu lernen und zu üben. Andere lesen Bücher über Babys und Erziehung im frühkindlichen Alter und wieder andere fragen ihre eigenen Eltern um Rat, was man bei einem Neugeborenen alles beachten muss.

Schließlich bekommt man einen Termin für die Geburt und wird sich früher oder später in ein Krankenhaus begeben – natürlich gibt es auch hier Ausnahmen wie zum Beispiel ein Geburtshaus oder die Option von einer Hebamme unterstützt, das Kind zu Hause zu bekommen. Im Krankenhaus wird man intensivmedizinisch betreut und es stehen eine Reihe medizinischer Optionen zur Verfügung – sollte es Grund zu Annahme geben, dass Handlungsbedarf besteht: Liegt das Baby in der richtigen Position? Sollte gegebenenfalls ein Kaiserschnitt durchgeführt werden? Sollte man die Geburt mittels Medikamenten früher als geplant einleiten oder sogar hinauszögern? Natürlich kann es trotzdem Komplikationen geben. In seltenen Fällen hat das Neugeborene noch nicht die Fähigkeit eigenständig zu leben und muss in einen Inkubator und künstlich beatmet und ernährt werden. Für die Eltern ist das sicherlich nicht schön und mit Ängsten verbunden, doch ein Team von Ärzten und Pflegern helfen den Eltern dabei die Situation zu meistern.

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Die eingangs genannten Zahlen geben aber die medizinische Realität ziemlich authentisch wieder: In den seltensten Fällen gibt es Komplikationen und in den meisten Fällen können die Eltern ihr Kind schon bald zu Hause willkommen heißen.  Spätestens dann sollte der Name des Kindes feststehen, wenn man Dankeskarten schreibt für die etlichen Glückwünsche von Verwandten, Freunden und Bekannten. Das Kinderglück ist nun perfekt. Auch wenn mit Kindern und deren Heranwachsen immer auch Sorgen und Probleme verbunden sind, gibt es wenige Eltern, die es bereuen, ein Kind bekommen zu haben. Sich über Kinder zu freuen, mag hier in Deutschland selbstverständlich erscheinen und über mögliche Komplikationen sind wir uns hier zulande häufig nicht im Klaren. Die Realität von Schwangerschaften und Geburten sehen aber in anderen Gegenden des Planeten gänzlich anders aus. Als Beispiel soll uns hier Ghana dienen, da ich selbst im Sommer 2017 in Ghana war und wir mit der NGO Healthcare Information Technologies for Africa e.V., kurz HITA e.V, einen Schwerpunkt unserer Arbeit in Ghana haben.

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2016 lebten in Ghana 28.207.000 Menschen. Die Bevölkerung wächst jährlich um 2%. Das liegt vor allem an den hohen Geburtenraten in Ghana: Eine ghanaische Frau bringt im Schnitt 4,1 Kinder zur Welt. Große Unterschiede gibt es auf der anderen Seite aber auch wiederum bei den Sterblichkeitsraten. Von den neugeborenen Kindern werden nur 95,7% das erste Lebensjahr vollenden. Von diesen 95,7% werden weitere 6,2% keine vier Jahre alt. In Zahlen sind das über 56.000 Kinder jährlich in Ghana, die noch vor Vollendung ihres fünften Lebensjahres sterben. Doch selbst die Kinder in Ghana, die älter als vier Jahre werden, haben nur eine Lebenserwartung von 61 Jahren. Das sind über 20 Jahre weniger als die Lebenserwartung in Deutschland oder anderen Industrienationen beträgt. Diese zahlen lassen die ökonomische und medizinische Realität Ghanas erahnen. Das Land ist in weiten teilen immer noch von Armut geprägt und die uns bekannte medizinische Infrastruktur gibt es nur für die Privilegierten in den Großstädten. Ghanaer, die in den ländlichen Randregionen Ghanas leben (wie zum Beispiel in Ost-Ghana, wo wir als HITA e.V aktiv sind) werden nicht selten nie in ihrem Leben einen Arzt zu Gesicht bekommen. Tatsächlich gibt es in sehr vielen Gebieten einen massiven Ärztemangel, vom Mangel an Medikamenten und sonstiger Ausrüstung ganz zu schweigen. Fast das gesamte Gesundheitswesen in diesen Gegenden basiert auf nicht-ärztlichem medizinischen Personal: Krankenschwestern, Krankenpflegern und Hebammen.

Die hygienische Situation in den „Health Center“ vor Ort – das sind Krankenstationen und Arbeitsplätze der Krankenschwestern und Hebammen – ist aufgrund der mangelhaften Ausrüstung häufig katastrophal, die Infektionsrate entsprechend hoch. Gerade in der Geburtenmedizin kommt es so zu vielen tödlich verlaufenden Infektionen bei den Müttern. Es gibt keine Inkubatoren oder Beatmungsmasken für Säuglinge: Kommt ein Kind zu früh, stirbt es häufig ohne die Chance auf angemessene medizinische Versorgung. Untersuchungen während der Schwangerschaft gibt es auch viel zu selten und die Qualität dieser Untersuchungen ist mangelhaft: Komplikationen können also nicht rechtzeitig erkannt werden. Da es auch keine ausgebildeten Fachärzte gibt, kann auch nicht angemessen auf Komplikationen reagiert werden. Doch was bedeutet all das für die Menschen vor Ort? Was bedeutet das für die einzelne ghanaische Mutter, die sich über all die genannten Zahlen keine Gedanken macht und nur ihr Kind gesund auf die Welt bringen möchte? Auch diese Frage kann ich natürlich nicht wirklich beantworten, aber ich erinnere mich noch sehr gut an die schwangere Frau aus einem Health Center etwa 20 Minuten von der ost-ghanaischen Stadt Ho entfernt.

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Auch in diesem Health Care Center gibt es eine Entbindungsstation. In einem heruntergekommenen Gebäude befinden sich drei Räume, die durch Tücher voneinander abgetrennt sind. In einem dieser Räume befindet sich ein kalter Tisch aus Edelmetall, der ein bisschen an einen Seziertisch erinnert. Auf diesem Tisch lag die hochschwangere Frau, halbnackt nur in Tücher gewickelt. Es befand sich keine Decke oder Matratze auf dem Tisch. Sie war sehr aufgeregt und sehr ängstlich. Freude in ihrem Gesicht konnte ich nicht erkennen, reden wollte sie auch nicht. Sie wird sich viele Gedanken und Sorgen gemacht haben. Wahrscheinlich hat sie sich gefragt: „Was passiert, wenn etwas schief geht und mein Kind Hilfe braucht? Was passiert, wenn ich sterbe und mein Kind ohne Mutter aufwachsen muss? Was, wenn mein Kind nicht gesund auf die Welt kommt, wie werde ich ihm helfen können? Wie werde ich das Kind überhaupt ernähren?“

Die Hebamme und Krankenschwestern konnten sie natürlich auch nicht wirklich beruhigen, sie wissen ja selber, dass eine Geburt in diesen Gegenden Ghanas sehr gefährlich ist. Die Säuglingssterblichkeitsrate ist in den ländlichen Gebieten Ghanas selbstverständlich deutlich höher als zum Beispiel in der Hauptstadt Accra. Ob das Kind richtig herum lag und gesund war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Wie die Geburt ausgegangen ist und, ob das Kind gesund auf die Welt gekommen ist und auch die Mutter überlebt hat, weiß ich nicht. Nach einer erfolgreichen Geburt wäre sie jedenfalls in das kleine Nachbarzimmer gekommen, um auf einem der fünf Betten die nächsten Tage zu verbringen – in der Hoffnung sich nicht mit einer Infektion anzustecken oder stärkere Blutungen zu bekommen. Fest steht jedenfalls, dass eine ghanaische Mutter selten nur ein Kind bekommt. Das Risiko während einer Geburt zu sterben, ist also entsprechend hoch.

Hier in Deutschland wird zwar von Kinderglück gesprochen, in Ghana ist die Realität für die Menschen leider zu oft eher ein Unglück. Die Eltern in Ghana lieben ihre Kinder natürlich trotzdem und erfreuen sich an ihnen. Was für uns aber völlig trivial erscheinen mag, ist an anderen Orten dieser Welt ein Privileg. Wir von HITA e.V  wollen das ändern, wir wollen, dass Kinder zu  bekommen für die Menschen in Ghana und in anderen afrikanischen Ländern auch ein großes Glück darstellt. Dazu versuchen wir das Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern und setzen dabei auf IT-Strukturen. Informieren Sie sich über unsere Arbeit und unterstützen Sie uns!


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